Versuch einer psychoanalytischen Ästhetik

Zwar bildete die Beschäftigung mit psychoanalytischen Möglichkeiten, Musikerleben zu konzeptualisieren über die letzten Jahre mein Hauptinteresse, auch wenn, etwa in meiner Arbeit zu Joyce (2005) oder zum Momenten des Stilllebens (1999) auch Literatur und Malerei einbezogen wurden. Mehr und mehr interessierte ich mich aber für die Frage, ob es eine Logik gibt, welche die verschiedenen Künste durchdringt und verbindet. Der antike Gedanke der Einheit der Künste schien mir faszinierend. Insbesondere ließ sich im Rhythmus als dem Organisator diese Vereinheitlichung auf allen Felder auffinden. Es lag also nahe, den Versuch zu unternehmen eine allgemeine psychoanalytische Ästhetik zu formulieren.

Grundgedanke dabei ist, dass alle Felder der Kunst durch die Strukturen der Wahrnehmung bestimmt werden, die von der Psychoanalyse, die bisher vor allem sprachliche Strukturen untersucht hat, bisher nur unzureichend beachtet und systematisiert wurden. Ästhetik aber hat eben vor allem mit Aisthesis (griechisch = Wahrnehmung) zu tun.

Das Konzept der kin/ästhetischen Semantik geht dabei von dem Gedanken aus, dass in der Kunst zwei Wahrnehmungsfelder miteinander koordiniert werden. Und zwar muss sich der äußere, ästhetische Reiz – etwa der Rhythmus der Musik – mit der körperlichen Selbstwahrnehmung – eben der kinetischen Seite – synchronisiert. Durch diesen Prozess entsteht die leibnahe Intensität der kin-ästhetischen Erfahrung.