Schönheit und Konflikt

Umrisse einer allgemeinen psychoanalytischen Ästhetik

… der Möglichkeit nach kann die Psychoanalyse einen einzigartigen und nicht von einer anderen Wissenschaft zu leistenden Beitrag zur Ästhetik vorlegen, da sie die genetische Verankerung und die intrapsychischen Mechanismen der Leistung beschreiben kann, welche im ästhetischen Verarbeitungsprozess eine Rolle spielen. Erst ausgehend von einer Theorie der menschlichen Subjektivität, wie nur die Psychoanalyse sie bereitstellt, erschließt sich das Ästhetische in seiner Funktion …

… dass, wie beim Produktdesign, Vorgänge der Ästhetisierung, die immer schon eine Rolle gespielt haben, heute nicht mehr Begleiterscheinung symbolischer Prozesse, sondern eine Vordergrundfunktion geworden sind. Und wenn der Gedanke zutrifft, dass das Ästhetische im Verhältnis von Figur und Grund eben nicht mehr Grund, Beiwerk und verzichtbarer Schmuck, sondern Figur, Funktionsträger, zentrales Organisationsprinzip geworden ist, verdient dieser Aspekt eine zunehmende Aufmerksamkeit der psychoanalytischen Theoriebildung. Was aber begründet diesen Shift vom Symbolischen zum Ästhetischen?

… nicht die zutreffende Deutung des Inhalts der Träume macht die Traumdeutung aufschlussreich, sondern Freuds Rückschluss von der Form des Traums auf die Arbeitsweise und Struktur des psychischen Apparats. Freuds Methode bestand also darin, von der Form auf die Struktur zu schließen und ich orientiere mich an dieser Methode zu fragen, wenn ich mich dem Thema des Ästhetischen von der Form her nähere. Ich orientiere mich an der Musik als Kerngebiet des Ästhetischen, weil sie keinerlei inhaltliche Griffpunkte bietet, sondern uns als pure Form entgegentritt.

…  das vorgelegte Buch fragt nach dem ästhetischen Phänomen in einem allgemeinen Sinne. Das Projekt einer allgemeinen psychoanalytischen Ästhetik ist allgemein, insofern es die ästhetischen Prozesse in den verschiedenen Bezirken der Kunst aus einem einheitlichen Gesichtspunkt ableitet, nämlich dem der Wahrnehmung (Aisthesis) und ihrer Eigengesetzlichkeit, die sich von der Ordnung der Sprache substantiell und effektiv unterscheidet und die ich unter dem Begriff der kinästhetischen Semantik beschreibe. Ja, mehr noch: die Stichworte einer Ästhetisierung des Politischen, der inflationären Fetischisierung körperlicher Schönheit im sozialen Kontext und die Bedeutung des Warendesigns für die Selbstorganisation postreligiöser Gemeinschaften machen deutlich, dass sich das Phänomen des Ästhetischen nicht auf das Feld der Kunst beschränkt. Das Nachdenken über Ästhetik sieht sich also vor der Frage nach dem Wesen des Ästhetischen und seiner entfremdenden Instrumentalisierung durch andere, nicht-ästhetische Kontexte.